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Feuille d'Avis Officielle du 23.07.2001

Version française

"Genf: Geschichte und Institutionen - Ein Leitfaden"
Genf im 20. Jahrhundert

"Nicht wir machen die Geschichte, sondern sie macht uns."

Um die Jahrhundertwende

Genf ist am Ende des 19. Jahrhunderts eine Zufluchtsstätte für politische Flüchtlinge, die sich auch in der Stadt niederlassen. Oft handelt es sich dabei um vertriebene Demokraten oder verfolgte Sozialisten. Ihre Anwesenheit in Genf beeinflusst die lokale Arbeiterbewegung spürbar. Im Jahr 1866 findet sogar ein Kongress der Sozialistischen Internationalen in Genf statt.

In diesem Zusammenhang ereignen sich schwere soziale Unruhen. Bei dem sogenannten Genfer Bauarbeiterstreik geht die Polizei gegen zweitausend streikende Genfer Bauarbeiter vor. Der Streik führt zu einer Gehaltserhöhung von 10 % und einer Reduktion der täglichen Arbeitszeiten von zwölf auf elf Stunden. Im Jahr 1902 entsteht aus einer Bewegung von Tramangestellten, die von den Gewerkschaften unterstützt wird, der erste Generalstreik in einer Schweizer Stadt.

Das im Jahr 1892 eingeführte Proporzsystem für die Wahlen zum Großen Rat stellt die politische Landschaft Genfs auf den Kopf. Diese neue Abstimmungsmethode kommt den kleinen Parteien zugute und ermöglicht der neugegründeten sozialistischen Partei den Einzug in den Großen Rat. Die SP gewinnt auf Anhieb acht von hundert Sitzen im Kantonsparlament. Das Bündnis zwischen Freisinnigen und Sozialisten scheint logisch und ebnet dem Sozialisten Thibaud den Weg in den Staatsrat. Das Proporzsystem ermöglicht außerdem die Gründung der katholischen Volkspartei, die sich unabhängige Partei (parti indépendant) nennt.

Antoine Carteret löst James Fazy an der Parteispitze der Genfer Freisinnigen ab. Carteret ist vor allem für das Gesetz über das öffentliche Bildungswesen von 1872 verantwortlich, das die Schulpflicht für Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren einführt. Dieses Gesetz sieht die Gründung einer Medizinfakultät vor und macht aus Calvins ehemaliger Académie eine Universität. Von nun an werden auch Mädchen zugelassen, vor allem Absolventinnen der 1847 gegründeten Ecole supérieure de jeunes filles. Durch das Gesetz von 1886 wird das Collège modernisiert und zählt von nun an vier Fachrichtungen.

Die konservative Opposition, bestehend aus der ehemaligen Aristokratie und den Liberalen, nimmt 1875 den Namen der demokratischen Partei (parti démocratique) an. Auch wenn die freisinnige Partei in den Jahren 1847-1914 die meiste Zeit an der Macht bleibt, gewinnt die konservative Opposition an Einfluss und erhält immer mehr Stimmen.

Der Erste Weltkrieg, der 1914 beginnt, bremst den Fortschritt. Die Situation der Arbeiter verschlechtert sich. Für die aufgebotenen Männer, die seitdem ohne Einkommen sind, gibt es keinerlei Entschädigung. Die Industriebourgeoisie und die Bauernschaft profitieren jedoch von der Krise und ihre Einkommen steigen. Die Spannungen zwischen den sozialen Klassen verschärfen sich.

Die Entstehung des Roten Kreuzes

Die Idee zur Gründung des Roten Kreuzes kommt dem Genfer Henry Dunant unter dem Eindruck der Ereignisse der Schlacht von Solferino im Jahr 1859. In seinem Buch (Un souvenir de Solferino), welches er allen Regierungen Europas zukommen lässt, schildert Henry Dunant das Schicksal der Kriegsopfer. 1863 versammeln die fünf Gründungsmitglieder, darunter Dunant, General Dufour und Gustave Moynier, damaliger Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Genf, im Palais de l'Athénée die Repräsentanten verschiedener Staaten, um das "Internationale Komitee zur Unterstützung der Verwundeten" zu gründen. Ein Jahr später beruft der Bundesrat zusammen mit der französischen Regierung einen internationalen Kongress ein, welcher die Erste Genfer Konvention annimmt. Das Abkommen basiert auf der Charta des Internationalen Roten Kreuzes, welche von sechzehn Staaten im Alabama-Saal des Genfer Rathauses unterzeichnet wurde. Henry Dunant erhält 1901 den Friedensnobelpreis.

Der Generalstreik von 1918

Der erste Schweizer Generalstreik findet am 11. November 1918 statt. Achttausend Genfer Arbeiter gehen auf die Straße. Nicht nur Sozialforderungen werden erhoben, sondern auch der Sieg der Alliierten über die Deutschen wird bejubelt. In der Zwischenkriegszeit gewinnt die sozialistische Linke immer mehr an Macht. Motiviert durch die russische Revolution von 1917 und den Generalstreik von 1918, verfasst die sozialistische Partei ein extremistisches Programm über den Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats.

Der VölkerbundLe Palais Wilson, siège de la Société des Nations.

Das Ende des ersten Weltkrieges markiert den Anfang einer Entwicklung hin zu einem internationalen Genf.

Im Jahr 1918, zur Zeit der Regelung des Konflikts im Schloss von Versailles, konkretisiert sich die Forderung des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson nach einer "Liga unabhängiger Nationen". Die Satzung der neuen Institution (Völkerbundakte) wird Bestandteil des Versailler Vertrags und anderer Friedensabkommen. Als Sitz des Völkerbunds wird Genf gewählt. Die neutrale Stadt im Herzen Europas und Wiege des Internationalen Roten Kreuzes, hat die Tatsache, den Völkerbund beherbergen zu dürfen, auch dem damaligen Bundespräsidenten Gustav Ador zu verdanken, der sich immer wieder persönlich bei verschiedenen Staatchefs Europas für Genf eingesetzt hat. Die erste Versammlung des Völkerbundes findet am 15. November 1920 mit 41 vertretenen Staaten statt. Von nun an weht über die ganze Welt der sogenannte "Geist von Genf", der Stadt des Friedens.

Trotz der erfolgreichen Lösung einiger kleinerer Konflikte wird der Völkerbund nie die Mittel zur Durchsetzung seiner Ambitionen haben, da die Vereinigten Staaten das Abkommen nie ratifizierten. Daher wird der Völkerbund 1946 durch die Vereinten Nationen ersetzt.

Die Krise von 1929

Diese optimistische Phase wird jäh durch die Wirtschaftskrise von 1929 beendet, die in der Schweiz 1931, also zwei Jahre nach dem amerikanischen Börsenkrach, beginnt. Die Depression nährt soziale Konflikte. Die soziologische Landschaft Genfs ändert sich nach der Massenankunft der in der Schweiz wohnhaften (Gast-)Arbeiter. Während diese 1913 27% der Bevölkerung ausmachen, sind es 1935 schon 43%. Die Arbeiter, überwiegend Handwerker, verändern das Gleichgewicht der bestehenden politischen Kräfte. 1937 erhalten die Sozialisten die Mehrzahl der Sitze im Grossen Rat. Léon Nicole, ein "eingefleischter" Sozialist, der den Klaßenkampf und die Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Modell vertritt, übernimmt 1930 die Führung der Partei. Dies setzt dem Bündnis zwischen Freisinnigen und Sozialisten ein Ende.

Der 9. November 1932

1932 gründet Georges Oltramare eine neue politische Gruppierung, und zwar die dem Faschismus zugewandte Union nationale, die dem Bürgertum aufgrund ihrer klar anti-marxistischen Haltung gefällt.

Am 9. November 1932 greift die Union nationale die sozialistischen Führungskräfte Léon Nicole und Jacques Dicker im Kommunalsaal von Plainpalais öffentlich an. Daraufhin organisieren die Mitglieder ihrer Partei eine Gegen-Demonstration. Die mehrheitlich bürgerliche Regierung wird davon unterrichtet, dass die Demonstration in Unruhen überzugehen droht. Eine Einschätzung der Situation ergibt, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden Polizeikräfte nicht ausreichen könnte, um die wahrscheinlichen Ausschreitungen unter Kontrolle zu halten. Der Staatsrat entscheidet daraufhin beim Eidgenössischen Militärdepartment Verstärkung anzufordern. Die Bundesbehörden beschließen, die Lausanner Infanterierekrutenschule, die sich in der sechsten Ausbildungswoche befindet, nach Genf zu schicken. Die Rekruten werden von der Menge an die Wand des alten Palais des Expositions gedrängt und eröffnen das Feuer. Die Schiesserei endet mit 13 Toten und 65 Verletzten.

In seinen 1963 veröffentlichten Memoiren erinnert sich Albert Picot, damaliger Regierungsrat, folgendermaßen an die Ereignisse:

"Man kann sich die Frage stellen: Hätten wir am Tage des 9. November, um die Bedrohung der Gewalt abzuwenden, nicht jenes politische und menschliche Vorgehen anwenden können, dass, selbst wenn es illegal gewesen wäre, den Verlauf der Dinge geändert hätte: die Einberufung eines Treffens zwischen den Führungspersonen der beiden verfeindeten Lager? Vernünftige, mit den Gewerkschaften oder den SVP-Anhängern abgesprochene Schritte? Vorsorgliche Verhaftungen? Ich weiß es nicht.
Waren die von Nicole geschaffene Atmosphäre und der Druck auf die Gemüter so extrem, dass all dies weder möglich noch nützlich war? Man kann die Geschichte aufgrund von Hypothesen nicht neu schreiben."
[*

Nicole und andere Sozialisten werden für die Unruhen verantwortlich gemacht und verurteilt. Als Léon Nicole sechs Monate später aus dem Gefängnis kommt, wird er vom Volk in den Staatsrat gewählt. Die Wahlen vom November 1933 sind ein regelrechter Triumph für die Sozialisten und bringen ihnen 45 Sitze im Großen Rat und vier Staatsratssitze. Genf ist damit der erste mehrheitlich links regierte Kanton der Schweiz.

Der Sieg der Sozialisten von 1932 bringt die politische Landschaft Genfs durcheinander. Die drei bürgerlichen Parteien (Freisinnige, Liberale und Christdemokraten) schließen sich zu der Entente zusammen, die dann auch die Wahlen von 1936 gewinnt. Die Niederlage der Sozialisten im Staatsrat ist unabwendbar. Ihre sieben Sitze werden von Mitgliedern der Entente übernommen.

Die sozialen Unruhen verlieren am Vorabend des Zweiten Weltkrieges an Intensität, und Bürgerliche und Sozialisten zeigen sich angesichts der Bedrohung durch die Nazis vereint. Außerdem beruhigt der Arbeitsfrieden die Gemüter.

Der Zweite Weltkrieg

Der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 entzweit die Genfer Linke. Léon Nicole weigert sich, das Abkommen zu kritisieren und gründet eine eigene Gruppierung: Die Partei Fédération socialiste suisse, die 1941 verboten wird. 1944 gründet Nicole erneut eine Partei, und zwar die kommunistische PdA, heutige Partei der Arbeit, aus der er 1952 austritt.

Während des Zweiten Weltkrieges befindet sich Genf in einer schwierigen geostrategischen Lage. Der Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 teilt Frankreich in zwei große Teile und mehrere den Deutschen unterstellte bzw. von ihnen annektierte Gebiete im Norden auf. Die Schweiz ist direkt davon betroffen. Von nun an ist sie von den Achsenmächten umgeben. Einzige Ausnahmen sind die Genfer Grenze von La Plaine bis Hermance, an der Schweizer Grenzbeamte und Soldaten Beamten von Vichy gegenüberstehen, außerdem die Walliser Grenze von Saint-Gingolph im Ferret-Tal und die Grenzlinie zwischen dem Schweizer Kanton Waadt und dem französischen Département de la Haute-Savoie, die durch den Genfersee verläuft. Diese Situation beeinflusst den späteren Umgang mit zivilen Flüchtlingen an der Genfer Grenze.

Von der Nachkriegszeit bis heute

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, den sogenannten "glorreichen Dreissigern" herrscht ein bis dahin unerreichter wirtschaftlicher Wohlstand. In Genf geht dieser Aufschwung mit einer starken Urbanisierung und einem demographischen Wandel einher.

Zwischen 1925 und 1945 schwankt die Genfer Bevölkerung zwischen 163 000 und 187 000 Einwohnern. In zehn Jahren, von 1950 bis 1960, wächst sie von 203 000 auf 259 000 Seelen an. 1985 leben 363 000 Personen in Genf. Im Mai 2001 pendelt sich die Zahl der Einwohner bei 416 584 ein. Dieses Bevölkerungswachstum verändert weiterhin zusehends die Landschaft des Kantons. Landgemeinden wie Vernier, Lancy, Onex und Meyrin wachsen in den 60er Jahren zu regelrechten Städten an.

Dieser Bevölkerungsboom lässt sich durch die Immigration ausländischer Arbeitskräfte in unser Land erklären. Den ersten Immigranten aus Südeuropa sind Arbeiter aus allen Teilen der Welt und mit verschiedensten sozialen Hintergründen gefolgt. Die Bevölkerungsgruppe der Mitarbeiter internationaler Organisationen verleiht der Stadt einen noch kosmopolitischeren Touch. Genf ist heute mehr denn je eine internationale Metropole.

Mit der Krise der 70er Jahre beginnt der Rückgang des Industriesektors. Die Überlegenheit des Dienstleistungssektors ist von nun an mehr als offensichtlich. Genf ist einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt und zieht immer mehr ausländische Bankinstitute an.

Nicht zu vergessen ist die beträchtliche Anzahl hauptsächlich amerikanischer Informatik- und Technologiekonzerne, die sich in Genf niedergelassen haben. Viele von ihnen haben hier ihren europäischen Hauptsitz eingerichtet.

Was die Politik betrifft, so ist in den letzten 50 Jahren die Wahlbeteiligung stark gesunken. Obwohl dieses Phänomen sicher national ist, war es in Genf lange Zeit stärker spürbar als anderswo. Bei der Wahl zum Großen Rat z.B. sank die Wahlbeteiligung von 76 % im Jahr 1945 auf 35 % im Jahr 1993. Als Reaktion auf diese beunruhigende Feststellung haben die politischen Behörden des Kantons 1996 die briefliche Stimmabgabe eingeführt. Dieses vereinfachte Verfahren konnte die Stimmbeteiligung um 10 % erhöhen. Bei den Wahlen vom 10. Juni 2001 haben 97 % aller Wählenden ihre bürgerliche Pflicht brieflicht erfüllt.

Die 90er Jahre sind von einer schweren Rezession gekennzeichnet, die sich in einem Konjunkturrückgang und ungewohnt hohen Arbeitslosenquoten niederschlagen. Zusätzlich kommt es zu einer Verschlechterung der Staatsfinanzen.

Seit 1999 sind Zeichen des Aufschwungs erkennbar, die erneutes wirtschaftliches Wachstum versprechen. Genf ist bereit für das dritte Jahrtausend.